Lothar Sandfort Diplom-Psychologe

»Das waren die Momente, in denen ich meine Behinderung habe lieben können. Unvorstellbar wahrscheinlich. Aber ich war ihr dankbar, dass sie mir etwas vermittelt hat an Selbstbewusstsein und Stolz, das ich in dieser Form nie in meinem Leben erlebt hatte. Bis dahin war sie meine Feindin. Und alle haben gesagt: Das ist deine Feindin. Die musst du überwinden. Die musst du bekämpfen. Krankengymnastik, das war das Schlachtfeld; der Besuch beim Arzt war die strategische Kriegssitzung. Es ging darum, sie zu vertuschen, zu verbergen, zu entkräften, zu beseitigen, sie weg zu kriegen. … Und dann gab es einen Moment, wo der Feind und ich in ein tiefes Loch gefallen sind. Plötzlich hab ich gesehen, der hat ja menschliche Züge, der kann mir ja etwas geben, der kann mich ja zum Leben erwecken, der gibt meiner Seele Brot, Nahrung, Stolz. Und dann habe ich gesehen, meine Behinderung ist auch nur ein Mensch. Sie wurde für mich wie eine Person, wie eine Freundin. Und dann hab ich gesagt: Auf dich lass ich nichts mehr kommen. Hab ihr gesagt: Na gut, dass ich mich in dich verlieben könnte, so ist es nicht. Du bist auch anstrengend, manchmal bist du kalt, herzlos; manchmal lässt du mich leiden. Aber manchmal machst du mich auch stolz und glücklich und gibst mir einen Ruhepunkt, gibst mir eine Persönlichkeit, einen Sinn, machst aus mir was. Und dann lieben wir uns, meine Behinderung und ich.«

Abbildungsnachweis:
Aquino-Film, Köln


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